Schon der erste Blick auf den Gletschersee «Im Griess» lässt vergessen, dass man sich mitten in der Schweiz befindet. Am Fusse des Clariden entstand eine Landschaft aus Eis, Fels und türkisfarbenem Wasser, die eher an Island als an die Alpen erinnert. Für eine Nacht tauschte ich den Alltag gegen ein einfaches Biwak und machte mich mit Kamera, Zelt und schwerem Rucksack auf den Weg zum See. Ziel war es, den Gletscher bei Vollmond und den Sonnenaufgang in dieser einzigartigen Kulisse festzuhalten. Was folgte, war eine Nacht voller Stille, unterbrochen vom Donnern abbrechender Eisbrocken und dem Gefühl, der Natur ganz nah zu sein. Dieser Bericht erzählt von einem unvergesslichen Outdoor Erlebnis, von der Faszination der Bergfotografie und davon, weshalb solche Momente noch lange in Erinnerung bleiben.
Aufbruch zum Gletscher
Die Wetterprognose versprach ideale Bedingungen. Für die Nacht war ein wolkenloser Himmel angesagt, ehe am folgenden Vormittag Regen einsetzen sollte. Zudem stand Vollmond bevor. Für mein Vorhaben, den Gletschersee bei Nacht zu fotografieren, hätte die Ausgangslage kaum besser sein können. So machte ich mich gegen 17:30 Uhr auf den Weg zum Klausenpass. Von dort führte der Wanderweg in rund einer Stunde zum Gletschersee «Im Griess». Mit meinem schweren Rucksack nahm ich den Aufstieg jedoch bewusst etwas gemächlicher in Angriff. Drei Kameras, mehrere Objektive und weiteres Fotoequipment lasteten auf meinen Schultern. Und auf eine Flasche Rotwein für den Abend wollte ich ebenfalls nicht verzichten.
Kurz vor 20:00 Uhr erreichte ich meinen Biwakplatz. Die Kulisse mit dem mächtigen Gletscherabbruch am Ende des Sees war schlicht überwältigend. Am liebsten hätte ich sofort die Kameras ausgepackt und mit dem Fotografieren begonnen. Vernunft ging jedoch vor. Zuerst richtete ich mein Biwak ein und kochte das Abendessen, bevor langsam die Dämmerung hereinbrach. Schon bald kehrte eine eindrückliche Ruhe ein. Weit und breit waren weder Menschen noch Fahrzeuge oder künstliche Lichtquellen zu sehen. Nur vereinzelt zog ein Flugzeug über den klaren Nachthimmel und erinnerte daran, dass die Zivilisation trotz dieser abgeschiedenen Bergwelt gar nicht so weit entfernt war. Vor mir lag eine lange Nacht inmitten einer eindrucksvollen Gletscherlandschaft, und die Vorfreude auf die ersten Aufnahmen unter dem Vollmond wuchs mit jeder Minute.
Video von der Biwak-Nacht mit Zeitraffer-Sequenzen
Laute Nacht
Die vermeintliche Ruhe der Bergwelt entpuppte sich schon bald als trügerisch. Während weit und breit kein Mensch zu sehen war, war die Natur selbst erstaunlich lebendig. Immer wieder hallte das Krachen abbrechender Eisbrocken durch das Tal, bevor sie mit lautem Getöse in den Gletschersee stürzten. Dazwischen lösten sich an den steilen Flanken des Clariden immer wieder kleinere Gerölllawinen, deren Geräusche durch die nächtliche Stille besonders eindrücklich wirkten.
Mitten in der Nacht erschütterte plötzlich ein besonders lauter Knall die Szenerie. Vermutlich war ein grösserer Eisblock in den See gestürzt, denn kurz darauf erreichten ungewohnt hohe Wellen das Ufer. Für einen Moment fragte ich mich ernsthaft, ob ich mein Biwak genügend weit vom Wasser entfernt aufgebaut hatte. Erst als sich der See langsam wieder beruhigte, kehrte auch bei mir die Gelassenheit zurück. In solchen Momenten wird einem bewusst, welche Kraft von einem Gletscher ausgeht und dass man in dieser Landschaft letztlich nur Gast ist.
Gletscher in der Nacht fotografieren
Nun galt meine ganze Aufmerksamkeit der Fotografie. Bereits die ersten Aufnahmen auf dem Kameradisplay liessen erahnen, dass sich der Aufstieg gelohnt hatte. Das Zusammenspiel aus Vollmond, Gletscher, Felsen und dem spiegelglatten See verlieh der Landschaft eine beinahe surreale Stimmung. Für einen Moment fühlte ich mich eher in Island als mitten in den Schweizer Alpen.
Mit der Zeit vergass ich alles um mich herum. Trotz der kühlen Temperaturen streifte ich nur im leichten Fleece durch die Nacht, suchte neue Perspektiven und genoss jede einzelne Aufnahme. Das Zeitgefühl ging völlig verloren. Stunden vergingen, ohne dass ich es bemerkte, und selbst ans Trinken dachte ich kaum noch. Erst gegen 01:00 Uhr erinnerten mich meine eiskalten Hände und der aufkommende Durst daran, dass ich eigentlich noch ein paar Stunden schlafen wollte.
Also hiess es schweren Herzens, die Kameras einzupacken und ins Zelt zu kriechen. Der Wecker wurde auf 05:00 Uhr gestellt, denn der Sonnenaufgang war gemäss Wetterprognose für 06:18 Uhr angekündigt. Genügend Zeit also, um rechtzeitig wieder draussen zu sein und die ersten Sonnenstrahlen am Gletschersee festzuhalten. Nachfolgend findest du einige Impressionen dieser eindrücklichen Vollmondnacht.
Apropos, die Vorbereitung und Hintergründe
Wie immer wollte ich nichts dem Zufall überlassen und nahm mir entsprechend Zeit für die "Einsatzvorbereitung". Dazu gehören Vollständigkeits- und Funktionskontrolle des technischen Materials, aber auch Bekleidung und Verpflegung muss gründlich überdacht werden. Dazu erstellte ich, wie wir es vom Militär kennen, eine komplette Auslegeordnung im Keller. Der Rucksack wurde auch dieses Mal wieder monstermässig schwer! Wer selber gerne ambitioniert fotografiert weiss, man trägt einfach extrem viel Glas (=Objektive) mit sich, die fallen unglaublich ins Gewicht.
Gekocht habe ich zum ersten Mal mit meinem neuen "Trekking-Küchensystem". Kulinarik stand aber nicht im Zentrum, deshalb blieb es bei einer einfachen Rösti mit Spiegelei. Danach gab es zum Rotwein - der darf bekanntlich nie fehlen in den Bergen - noch Käse und Salami. Ich kann Euch versichern: In den Bergen und Outdoor schmeckt auch einfach Kost wunderbar! Und in einer Nacht ist noch nie jemand verhungert.
Sonnenaufgang am Gletschersee und Fazit
Bereits eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang war ich wieder unterwegs. Die Nacht war kurz gewesen, doch nach einer Übernachtung unter freiem Himmel schlafe ich jeweils erstaunlich tief und fühle mich trotz weniger Stunden Schlaf erstaunlich erholt. Während ich mich über die steinige Gletschermoräne bewegte, suchte ich nach neuen Perspektiven und beobachtete, wie sich die Landschaft Minute für Minute veränderte. Eine geheimnisvolle Stille lag über dem See, ehe sich die Sonne langsam über die Gipfel der Glarner Alpen erhob. Die ersten Sonnenstrahlen wärmten mein Gesicht und tauchten den Gletscher, den See und die umliegenden Felsen in ein wunderbar weiches, goldenes Licht.
Zum Abschluss montierte ich nochmals mein Teleobjektiv, das schwerste Ausrüstungsstück in meinem Rucksack. Damit gelangen eindrückliche Aufnahmen der treibenden Eisschollen vor der markanten Gletscherwand. Besonders faszinierend waren die deutlich sichtbaren Schichten im Eis, welche von unterschiedlichen Schnee und Gesteinsablagerungen aus vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden zeugen. Zusammen mit dem türkisfarbenen Wasser erinnerte die Szenerie einmal mehr an die Landschaften Islands und kaum daran, dass ich mich nur wenige Stunden von meinem Zuhause entfernt befand.
Diese Biwaknacht war weit mehr als eine Fototour. Sie schenkte mir Ruhe, neue Energie und das gute Gefühl, für einen Moment vollständig im Hier und Jetzt angekommen zu sein. Solche Erlebnisse erinnern mich immer wieder daran, wie wichtig es ist, allen Bereichen des Lebens bewusst Raum zu geben. Genau dieses Zusammenspiel von Natur, Erholung, Bewegung und persönlicher Entwicklung bildet auch die Grundlage meines Rads des Lebens, das dabei hilft, die eigene Balance bewusst wahrzunehmen und langfristig zu stärken. Zwar bleiben die Bilder als schöne Erinnerung erhalten, doch die eigentlichen Eindrücke lassen sich weder fotografieren noch in Worte fassen. Es sind die Stille, die klare Bergluft und das unmittelbare Erleben der Natur, welche noch lange nachwirken.
Das Erstaunliche daran: Dieses kleine Abenteuer fand mitten unter der Woche statt. Nachdem ich zum Klausenpass abgestiegen war, fuhr ich nach Hause und sass kurz nach 08:00 Uhr bereits wieder an meinem Arbeitsplatz. Für meine Arbeitskollegen war es ein ganz gewöhnlicher Morgen. Für mich hingegen blieb die Erinnerung an eine aussergewöhnliche Nacht in einer der eindrucksvollsten Landschaften der Schweiz. Diese Momente zeigen mir immer wieder, welches Privileg wir haben, in einem Land zu leben, das solche Naturerlebnisse direkt vor der Haustüre bereithält.


















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