Dieser Blog begleitet einen Trailrun über die gesamte Albiskette – von Zürich Wiedikon bis nach Baar, knapp 30 Kilometer und 1’000 Höhenmeter durch eine der schönsten Landschaften vor der Haustür. Im Fokus steht nicht die Strecke selbst, sondern das Erleben unterwegs: der Wechsel von der Stadt in die Natur, die Weite auf dem Grat und die Ruhe, die sich Schritt für Schritt einstellt. Der Lauf zeigt, wie Bewegung draussen hilft, Gedanken zu ordnen und wieder näher bei sich selbst anzukommen. Zwischen Anstrengung, Flow und kurzen mentalen Tiefs entsteht ein Zustand, der im Alltag oft verloren geht. Es geht um Verbindung – zur Umgebung, zum eigenen Körper und zu dem, was wirklich zählt. Ein Erfahrungsbericht, der dazu einlädt, selbst loszulaufen und genau diese Momente draussen zu erleben. Zudem eine kostenlose GPX-Datei am Ende des Berichts.

Von der Stadt in die Stille
Es ist der 1. Mai, stahlblauer Himmel, frühlingswarme Luft. Ich starte um 13:00 Uhr in Zürich Wiedikon – vor mir liegen 29.5 Kilometer und rund 1’000 Höhenmeter. Der erste Abschnitt führt entlang der Tramlinie Richtung Triemli, noch mitten im Rhythmus der Stadt, zwischen Geräuschen, Fassaden und Bewegung. Dann kippt die Szenerie. Der Weg zieht in den Wald, Kies unter den Schuhen, die Schritte werden gleichmässiger, der Puls steigt – und gleichzeitig wird es ruhig im Kopf.
Im Zickzack geht es hoch zum Uetliberg. Mit jeder Kurve öffnet sich der Blick kurz durch die Bäume auf Zürich, eingebettet in seine Strukturen, fast wie in Stein gegossen. Von hier oben wirkt die Stadt anders. Klarer, weiter weg, weniger laut. Unten lebt man zwischen Wänden, hier oben schaut man darüber hinweg. Und genau in diesem Übergang liegt etwas Entscheidendes: Man bewegt sich nicht nur geografisch aus der Stadt heraus, sondern auch innerlich.
Die ersten Höhenmeter fordern den Körper, aber sie ordnen auch. Der Atem wird bewusster, die Gedanken ruhiger, der Fokus enger. Es ist dieser Moment, in dem der Alltag beginnt abzufallen, ohne dass man aktiv etwas dafür tun muss. Man läuft einfach weiter – Schritt für Schritt – und merkt, wie wenig es eigentlich braucht, um wieder bei sich anzukommen.
Und irgendwann stellt sich eine einfache Frage, die man im Alltag gerne überhört:
Wie viel von dem, was uns unten beschäftigt, ist hier oben noch wirklich relevant?
Video-Bericht zu diesem fantastischen Trail Run
Passend zu diesem Erfahrungsbericht habe ich den gesamten Trailrun über die Albiskette auch filmisch festgehalten. Das Video zeigt nicht nur die Strecke von Zürich bis Baar, sondern vor allem die Stimmung unterwegs: Weite Landschaften, stille Waldpassagen, eindrückliche Panoramas und meine Gedanken über Balance, Klarheit und das bewusste Unterwegssein in der Natur.
Unterwegs auf dem Grat – zwischen Weite und Gedanken
Nach dem Trubel am Uetliberg und bei der Felsenegg verändert sich die Stimmung. Die Stimmen werden weniger, die Schritte leiser, der Weg öffnet sich. Der Grat der Albiskette zieht sich wie eine Linie durch die Landschaft, und plötzlich entsteht Raum – links der Zürichsee, ruhig und weit, rechts die Zentralschweiz mit Blick Richtung Pilatus und Freiamt. Man bewegt sich genau dazwischen, oben, getragen von diesem schmalen Streifen Erde.
Der Untergrund wechselt zwischen festen Wegen, Wiesen und später auch schmaleren Pfaden. Oft breit genug für Fahrzeuge, fast ungewohnt für einen Trail, dann wieder naturbelassen, näher am Boden, näher an dem, was trägt. Mit jedem Schritt spürt man diese Verbindung stärker. Beine, Körper, Untergrund – kein Widerstand, eher ein Zusammenspiel. Man läuft nicht mehr gegen etwas an, man bewegt sich mit der Landschaft.
Es wird ruhiger, auch im Kopf. Gedanken kommen und gehen, ohne dass man ihnen nachläuft. Und irgendwo auf diesem Grat taucht ein Satz auf, den ich einmal gehört habe: Wir kommen mit nichts und wir gehen mit nichts. Er steht plötzlich da, ohne Erklärung, ohne Anspruch, und bleibt.
Warum füllen wir die Zeit dazwischen so oft mit Dingen, die uns schwer machen? Warum laden wir uns Themen auf, die später zu Last werden? Hier draussen reduziert sich alles. Der Körper arbeitet, der Atem trägt, ein Schluck aus der Flasche, ein Riegel aus der Tasche – mehr braucht es nicht. Der Rest fällt weg.
Und während man weiterläuft, durch Wälder, über offene Passagen, mit Blick in die Weite, entsteht ein Gefühl, das sich nicht planen lässt: Zufriedenheit. Nicht, weil etwas erreicht wurde. Sondern weil für einen Moment alles genau so ist, wie es ist.
Wenn der Kopf leise wird (und kurz wieder laut)
Der Lauf findet seinen Rhythmus, Schritt für Schritt, gleichmässig, fast getragen von der Bewegung. Und dann, irgendwo bei Kilometer 13 oder 14, kippt es kurz. Der Blick auf die Uhr zeigt Zahlen, die sich kaum verändern. Der Kilometerzähler scheint stehen zu bleiben. Der Körper läuft weiter, aber der Kopf beginnt zu rechnen, zu hinterfragen, zu bremsen.
Ich lasse diesen Gedanken nicht gross werden. Kein Kampf, kein innerer Druck. Stattdessen hebe ich den Blick, nehme die Umgebung wieder bewusst wahr, trinke, atme tiefer. Der Weg liegt vor mir, nicht die Distanz. Und während ich mich wieder auf das konzentriere, was gerade ist, verschiebt sich etwas. Der Motor läuft wieder, ruhig, gleichmässig, fast unbemerkt. Die Kilometer kommen zurück, ohne dass ich sie jage.
Wenig später öffnet sich die Landschaft am Albishorn. Der Blick reicht weit, bis zu den noch verschneiten Bergen, eingebettet in sattes Grün und diesen klaren, blauen Himmel. Es ist still hier oben. Keine Hektik, kein Drängen. Ich bleibe stehen, atme tief durch und lasse den Blick in die Ferne ziehen. Für einen Moment passiert nichts – und genau darin liegt alles.
Fast 20 Kilometer liegen hinter mir, über 900 Höhenmeter. Nicht erkämpft, sondern gegangen, Schritt für Schritt. Die Gedanken sind ruhig geworden, der Körper arbeitet im Einklang, und irgendwo zwischen Anstrengung und Leichtigkeit entsteht dieser Zustand, der schwer zu greifen ist. Kein Ziel, kein Muss – einfach Bewegung, Atmung, Weite.
Und genau dort wird klar: Es ist nicht der perfekte Lauf, der zählt. Es ist der Moment, in dem man trotz Widerstand weitergeht – und merkt, dass genau darin die eigentliche Kraft liegt.

Ankommen – und doch noch unterwegs
Ab dem Albishorn führt der Weg mehrheitlich bergab Richtung Baar. Die Schritte werden länger, der Rhythmus verändert sich, und mit jedem Abschnitt spüre ich die Belastung stärker in den Knien. Es ist kein unangenehmes Gefühl, eher ein ehrliches Echo des Körpers auf die geleistete Arbeit. Gleichzeitig bleibt eine erstaunliche Leichtigkeit. Die Energie ist da, konstant, ruhig, getragen von diesem gleichmässigen Vorwärtsgehen, das sich über die letzten Stunden aufgebaut hat.
Ich bin den Lauf bewusst ohne Druck angegangen, ohne Fokus auf Tempo oder Zeit. Es ging nicht darum, möglichst schnell anzukommen, sondern darum, die Strecke zu erleben. Die Natur aufzunehmen, die Gedanken ziehen zu lassen, immer wieder den Blick zu heben und wahrzunehmen, wo ich mich gerade befinde. Und genau das zeigt sich jetzt, auf den letzten Kilometern. Während die Beine müder werden, bleibt der Kopf klar, fast still, als hätte sich über die Distanz hinweg etwas geordnet.
Mit jedem Schritt Richtung Baar wird die Strecke greifbarer. Und dann dieser Moment am Ende, wenn ich auf die Aufzeichnung schaue und die Linie von Zürich nach Baar sehe. Eine Verbindung zwischen zwei Orten, die man sonst unzählige Male unterirdisch mit dem Zug zurücklegt, ohne gross darüber nachzudenken. Heute liegt diese Strecke hinter mir, Schritt für Schritt erlaufen, mit allem, was dazugehört hat – Anstrengung, Ruhe, Weite und diesen stillen Momenten dazwischen.
Es ist genau diese Art von Bewegung, die etwas in einem verschiebt. Nicht, weil sie spektakulär ist oder nach aussen viel darstellt, sondern weil sie einen wieder näher zu sich selbst bringt. Man startet irgendwo in der gewohnten Umgebung und kommt an einem anderen Ort an, äusserlich wie innerlich. Und während der Lauf in Baar endet, bleibt dieses Gefühl bestehen, dass der eigentliche Weg noch weitergeht.
Links und Downloads:
- Meine Strava-Aktivität: Albiskette Trailrun
- SchweizMobil: Zürich-Zugerland-Panoramaweg


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